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Deutschland Betrugsvorwürfe

EU fördert Projekt von mutmaßlichem Hochstapler

Redakteur Investigation und Reportage
Ahmet Ü. : Immer wieder machte er falsche Angaben über seine Qualifikation Ahmet Ü. : Immer wieder machte er falsche Angaben über seine Qualifikation
Ahmet Ü. : Immer wieder machte er falsche Angaben über seine Qualifikation
Quelle: picture-alliance/dpa/Tim Brakemeier
Ein falscher Professor und selbst ernannter Islamexperte soll jahrelang das Land NRW betrogen haben. Er wurde sogar zum Berater der Landesregierung. Trotz Anklage ist der Mann weiter umtriebig. Recherchen zeigen nun, dass er auch die EU-Kommission narrte.

Laut einer Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Duisburg betrog Ahmet Ü. das Land Nordrhein-Westfalen um mehr als 700.000 Euro. Nun fördert die Europäische Union einen Verein, der von dem mutmaßlichen Hochstapler gegründet wurde. Wie kann das sein?

Rückblick ins Frühjahr 2021: Damals arbeitete Ü. an der Universität Duisburg-Essen als Dozent am Institut für Turkistik. Zudem beriet der heute 47-Jährige das Schulministerium in Düsseldorf in politisch brisanten Fragen des islamischen Religionsunterrichts. Die Rolle schien wie für Ü. geschaffen: Selbst hatte er mehrere Jahre lang als Lehrer gearbeitet. Er trat öffentlich als Vermittler zwischen den Kulturen auf. Bei Veranstaltungen war er neben dem früheren Bundespräsidenten Christian Wulff zu sehen, an anderen Tagen wurde er im türkischen Konsulat empfangen. Und auch zu Ditib, dem größten Moscheeverband des Landes, unterhielt Ü. beste Beziehungen.

Immer wieder hielt er Vorträge – etwa über den türkischen Sprachunterricht – und stellte sich der Öffentlichkeit als Professor vor. Recherchen von WELT AM SONNTAG aber zeigten damals: Ü. ist nicht nur kein Professor. Er hat auch nie promoviert. Angaben, die der vermeintliche Wissenschaftler gegenüber seiner Universität und in einem Lebenslauf im Internet machte, waren weitgehend erfunden. Angebliche Publikationen, inklusive seiner vorgeblichen Dissertation, existieren nicht. Stipendien und prestigeträchtige Beratertätigkeiten, mit denen Ü. sich schmückte, entpuppten sich als Fantasiegebilde. Das Ministerium, die Universität, andere Hochschulen, die Ü. Lehraufträge erteilten: Sie alle waren einem mutmaßlichen Hochstapler aufgesessen.

Am Mittwoch hat das Amtsgericht Duisburg eine Anklage gegen Ü. zur Hauptverhandlung zugelassen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Urkundenfälschung, den unbefugten Gebrauch akademischer Grade und Betrug in 28 Fällen vor. Laut den Ermittlern ist Ü. sogar noch weiter gegangen, als zunächst bekannt war. So soll er sich 2009 mit gefälschten Zeugnissen über das Bestehen der Ersten und Zweiten Staatsprüfung für eine Stelle als Studienrat beworben haben. Nur dadurch wurde Ü. verbeamtet und erhielt über die Jahre hinweg Bezüge in Höhe von 711.090,34 Euro.

Verein macht dubiose Angaben im Register

Mit dem Gerichtsprozess könnte die Causa ihrem Ende entgegengehen. Wäre der Mann nicht weiter im Bildungsbereich aktiv. Nach Recherchen von WELT AM SONNTAG ist ein von Ü. gegründeter Verein an einem Projekt beteiligt, das im Rahmen des EU-Programms Erasmus gefördert wird. Auch Ü. selbst tritt dort als Dozent auf, wie Fotos nahelegen. Das Projekt namens „Dil Agaci“ oder „Language Tree“ soll Zweisprachlern in Europa und jungen Migranten in der Türkei helfen, ihr Türkisch zu verbessern. Zudem sollen Türkischlehrer fortgebildet werden – offenbar auch in Deutschland.

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Laut Angaben der Europäischen Kommission, die das Projekt zusammen mit der türkischen Nationalagentur finanziert, tritt hier das „Institut für Türkisch Europäische Beziehungen“ (TEB) in Duisburg als Partner auf. Auf der Facebookseite des Instituts finden sich Fotos von Workshops im Rahmen des Programms. Auf einigen aus dem Februar dieses Jahres ist zu sehen, wie Ü. einen Vortrag hält. Der geborene Westfale ist aber nicht nur im Klassenzimmer aktiv, er ist auch der Gründer des Instituts. Im Jahre 2007 wurde ein Verein mit dem Namen im Bremer Vereinsregister eingetragen, 2019 ein Verein mit ähnlichem Namen in Duisburg. In beiden Fallen gehörte Ü. zum Vorstand.

Wer mehr über den Duisburger Verein erfahren möchte, stößt schnell auf zahlreiche Ungereimtheiten. So wurde bei Gründung im Vereinsregister der Hamburger Professor Yassar Aydin als Schriftführer eingetragen. Der gibt auf Anfrage an, nichts von seiner vermeintlichen Rolle zu wissen. Neben Ü. wurde eine Professorin namens Nicole Werding als Vize-Vorsitzende registriert. Nur lassen sich von einer solchen Professorin weder eine Habilitationsschrift noch eine Dissertation finden. Lediglich ein Facebook- und ein Instagram-Account laufen auf den Namen – versehen mit dem Foto einer türkischen Schauspielerin. Ein falscher Alias? Aber wozu?

Einen Hinweis könnten zwei E-Mails liefern. Im Juli 2021, nach den ersten Berichten von WELT AM SONNTAG über Ü., schrieb eine Person, die sich als Nicole Werding ausgab, an die Redaktion. In den Nachrichten versuchte sie, Ü. zu rehabilitieren und die Quellen der Zeitung anzuzweifeln. War es gar Ü. selbst, der den Alias nutzte? Eine Anfrage dazu ließen das TEB und Ü.s Anwalt unbeantwortet.

Wieso arbeitet die EU mit dem dubiosen Institut zusammen? Wie viel Geld fließt aus Brüssel an Ü.s Verein? Auch diese Fragen blieben zunächst offen. Die EU-Kommission antwortete in der gesetzten Frist nicht. Auf einer Webseite der türkischen Regierung ist eine Fördersumme von 244.000 Euro angegeben – vermutlich handelt es sich dabei nur um den Teil, der aus der Türkei in das Erasmus-Projekt fließt.

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Ab Juli muss der mutmaßliche Hochstapler Ü. vor dem Amtsgericht Duisburg zu seinem Betrugsprozess erscheinen.

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